Lockdown und kein Ende: Stimmen aus den KMU

Seit ziemlich genau einem Jahr beschäftigt uns die Corona-Pandemie.  Was viele anfänglich als schnell vorübergehende Erscheinung abtaten, hat sich inzwischen zu einer Krise entwickelt, deren endgültiges Ausmass sich noch nicht abschätzen lässt. Mittendrin befinden sich Tausende von KMU, die sich irgendwie organisieren müssen.

Die Negativschlagzeilen in der Tages- und Wirtschaftspresse reissen nicht ab: Hotel-Branche vor dem Kollaps, Event- und Gastronomiebetriebe, die kein Geld mehr verdienen können, aber trotzdem auf hohen Fixkosten sitzen bleiben, Detailhändler, die nicht genau wissen, was sie nun noch verkaufen dürfen und was nicht, wenn sie überhaupt noch geöffnet haben, Kulturschaffende, die ihr Heil in Online-Auftritten suchen – und, und, und. All dem gegenüber steht das politische Hickhack um Härtefall-Regelungen, Kurzarbeitsentschädigungen, Hygiene-Massnahmen, Homeoffice-Pflichten und unklare Verantwortlichkeiten zwischen Bund und Kantonen.

«Endlich wieder normal arbeiten können»

Nicht verwunderlich ist es deshalb, dass sich viele KMU fragen: Wann endet der Lockdown? Wie soll es weitergehen? Wo erhalten sie Unterstützung? Wo existiert ein Netz, das ihren freien Fall auffangen kann? Mit solchen Fragen konfrontiert ist Michelle Rütti-Kummli. Sie ist Geschäftsführerin des Kummli-Unternehmer-Netzwerks, das diskret und mit viel persönlichem Fingerspitzengefühl Kontakte zwischen Entscheidungsträgern in Firmen aller Branchen vermittelt. Entsprechend nahe ist ihr Kontakt mit Unternehmensführern aus KMU.

«Die Unternehmer und Mitarbeiter wollen nicht primär Geld, sondern endlich wieder normal arbeiten können», fasst sie die Stimmungslage zusammen. Viele Unternehmen schauen vorwärts und setzen ihre Ideen, wie sie dank Digitalisierung von Prozessen trotzdem weiter geschäften können, auch um. Allerdings: «Nicht jede Branche ist gleich digital-affin», gibt Michelle Rütti-Kummli zu bedenken. Während etwa der Detailhandel relativ einfach einen Online-Shop einrichten kann, sei dies etwa für die Fitness-Branche kaum möglich, dort seien die Alternativen beschränkt. Oder auch die Gastro- und Hotelbranche: «Eines unserer Netzwerk-Mitglieder, ein Zürcher Restaurantbetreiber, ist stark vom Tourismus abhängig.

Seit März 2020 bleiben die Gäste fern und somit muss er einen grossen Teil seiner Belegschaft seither in Kurzarbeit schicken bzw. Stellen abbauen», erzählt sie und ergänzt:

«Das Team über so lange Zeit bei Laune zu halten, bis es wieder einmal los geht und um die entsprechende Startposition zu sichern, ist enorm schwierig.»

Unternehmer vernetzen sich

Enttäuscht äussern sich etliche KMU gegenüber Michelle Rütti-Kummli über Behörden und Verbände. Diese würden zu wenig auf die aktuellen Bedürfnisse ihrer Mitglieder hören.

«Unternehmer sind im März letzten Jahres zu uns gekommen, weil sie sagten ,dass sie sich im Stich gelassen fühlen», erzählt Michelle Rütti-Kumrnli. «Deshalb haben wir die „Stimme der KMU“ ins Leben gerufen.» Das Kummli-Netzwerk stellte in diesem Zuge Verbindungen zwischen Unternehmern, Politikern und Behörden her. «Wir haben seit letztem März Kern­ Teams installiert, wo wir mittels Telefon- und Videokonferenzen uns regelmäßig mit Unternehmer, Armeevertretern und Ärzten austauschen. Auf diese Weise stellen wir einen Knowhow-Transfer her», führt Michelle Rütti-Kummli weiter aus. «Jeder kann auf diese Weise vom anderen profitieren, und wir gehen konkret mit den Anliegen und Ideen auf die jeweiligen Stellen oder Personen zu.»

Den persönlichen Austausch auch im Lockdown am Leben erhalten

Was für Knowhow währen dem Lockdown am meisten gefragt? Erkennbar seien da zwei Bereiche, erklärt Michelle Rütti-Kummli. Einerseits seien gerade produzierende Unternehmen von unterbrochenen Lieferketten betroffen. Sie benötigen Informationen zu neuen Lieferanten, die Lücken in den Supply Chains schliessen können. Früher konnte man einfach auf Wirtschaftsanlässen oder Fachmessen solche Kontakte knüpfen. Dies geht jetzt nicht mehr. Aber es können sich auf andere Weise zum Teil ganz neue Beziehungen entwickeln.

«Plötzlich lernt man Betriebe in der Nachbarschaft besser kennen und entdeckt überraschende Kooperationsmöglichkeiten», weiss Michelle Rütti-Kummli. Wer jetzt die Zeit nutzt, um sich in der näheren Region nach neuen Partnern umzuschauen, findet so womöglich die Basis für viele kreative Ideen.

Anderseits ist da die Information durch die Behörden: Hier bestehe ein grosser Bedarf, doch häufig sei ein Kontakt zu Verantwortlichen schwierig. Hier helfe das Vermitteln von Kontakten und Weiterempfehlungen durch Verantwortliche in Betrieben – Aufgaben, die branchenübergreifende Netzwerke wie eben das Kummli-Netzwerk leisten können. «Wir spüren, dass ein grosses Bedürfnis herrscht, um sich mit Menschen persönlich auszutauschen. Das hat bei uns eine grosse Nachfrage ausgelöst, gezielt Kontakte zu Entscheidungsträger und Firmen zu vermitteln. Aufgrund dieser Nachfrage arbeiten wir an der Entwicklung eines weiteren Geschäftsbereichs», kündigt Michelle Rütti-Kummli an.

Die Besorgnis bleibt

In den Worten von Michelle Rütti-Kummli ist aber gleichwohl grosse Besorgnis herauszuhören. «Der Biss und der Durchhaltewillen ist erschöpft», sagt sie. «Seit März heisst es, nach einem Monat Lockdown wird alles besser. Jetzt aber kommt das mutierte Virus, und wir sind ein Jahr später – und immer noch nicht weiter. Die Schicksale in den Unternehmen und Familien tun mir weh und machen mich traurig.» Was besonders schwer wiegt: Das Vertrauen der Wirtschaft in die Politik scheint sukzessive zu schwinden, die Kommunikation von Regierungsvertretern werde immer unglaubwürdiger, was z.B. auch der Schweizerische Gewerbeverband feststellt und eine Beendigung des Lockdowns fordert. Michelle Rütti­ Kummli vermisst die Präsenz von Politikern in der Bevölkerung. «Hier wäre es ein starkes Zeichen, wenn Politiker dafür auf ihr Entgelt – oder zumindest einen Teil davon – verzichten würden.» Und vor allem wünscht sie sich etwas positivere Kommunikation: «Weshalb wird nicht z.B. von ‘93%’ Negativitätsrate gesprochen? Das ist der gleiche Inhalt, aber eine andere Botschaft!»

Das Kummli-Netzwerk

Gegründet von Rolf Kummli vor mehr als 20 Jahren, vernetzt KUMMLI ausschließlich Entscheider – Unternehmer, Verwaltungsräte und CEOs aller Branchen – von KMUs bis Global Player. Der Kontaktpool umfasst inzwischen über 6’500 Entscheidungsträger und funktioniert nach dem Prinzip «Linkedln auf persönlichem Weg». Im Zuge der pandemiebedingten Planungsunsicherheit verbunden mit Liquiditätsengpässen, fehlender Kommunikation oder verunsicherter Mitarbeitenden hat das Kummli-Netzwerk mit der «Stimme der KMU» eine Anlaufstelle geschaffen – gedacht als Sprachrohr für den Werkplatz Schweiz und als Drehscheibe zwischen Unternehmern und Politik.

Michelle Rüttli-Kummli

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